Das Ich - Einheit oder
Vielfalt?
(Gedanken und
Spekulationen)
Unser Ich hat bei uns
allen einen hohen Stellenwert, es ist sozusagen
unser Heiligstes und wir haben es nicht gerne, wenn seine
Integrität angetastet wird. In unserem Bestreben unserem Ich
Bestand und Permanenz zu geben, übersehen wir oft, daß
dieses Ich sich ständig ändert. Es unterliegt Stimmungen und
dadurch treten Ausdrucksweise, aber auch Denken und Fühlen immer
wieder anders in Erscheinung. Weiters ändert sich Bewußtsein
und Selbstverständnis dadurch, daß wir dazulernen,
älter werden und unser Ich reicher an Erfahrungen wird.
Auf die
Veränderlichkeiten unserer Persönlichkeit hingewiesen
werden wir antworten: "Ich ist eine unpräzise Ausdrucksweise, die
sich landläufig eingebürgert hat, aber wenn es jemand schon
so genau wissen will, so ist damit die
Bewußtseinskontinuität gemeint, mit den Ressourcen an
Wissen, Erfahrung, Gefühlen und Persönlichkeitsausdruck."
Hiermit ist die Veränderlichkeit unseres Bewußtseins
akzeptiert und die Betonung liegt nunmehr mehr auf Kontinuität und
Einheit.
Die Kontinuität
unseres Bewußtseins und von dem, was wir als
Ich ansprechen ist jedoch nur bei oberflächlicher Betrachtung
gegeben. Man kann in Erwägung stellen, ob sie noch vorhanden ist,
wenn man etwas vergißt. Was wir vergessen ist gar nicht so wenig:
es sind mitunter ganze Jahre, die nicht mehr in unserer Erinnerung
aufscheinen, wenn wir z.B. an die Ereignisse unserer Kindheit denken.
Aber eigentlich will ich die Kontinuität gar nicht anzweifeln und
verpacke sie in dem Begriff "Seele", als eine Art Behälter, in dem
auch Vergessenes usw. enthalten ist. Was ich jedoch einer näheren
Betrachtung unterziehen will, ist die Einheit, die unserem Ich
zugesprochen wird, etwas, worüber in der Regel nie diskutiert
wird, weil es so selbstverständlich ist.
Wenden wir also der
"unteilbaren Einheit des Ich" unsere Aufmerksamkeit
zu. Zur besseren Übersicht gliedern wir unsere Betrachtung in drei
Teile, wobei die "transzendenten Aspekte" nicht in dieser, sondern in
einer anderen WWW-Seite besprochen werden.
I
C
H
Das Ich und unser
biologischer Aufbau
Das Ich und die Psyche
Das Ich und die
Transzendenz
,,,,,,,,,,,,,,,
Das Ich und unser
biologischer Aufbau
Die bisymmetrische
Struktur unseres Organismus
Werfen wir einen Blick
auf unseren biologischen Aufbau in Hinblick auf
die "Einheit und Unteilbarkeit unseres Ichs":
Gehirn:
Von der
bisymmetrischen Bauweise des Gehirns her betrachtet, ist der
Glaube an die Unteilbarkeit unseres Ichs bereits fragwürdig.
Werden durch einen Schnitt durch den Balken die zwei Gehirnhälften
getrennt, so ist es mit der Einheitlichkeit unseres Ichs vorbei: die
rechte Seite hat das Empfinden, als ob die linke Seite einer anderen
Person gehören würde. Was "diese andere Person" macht ist
für die andere Seite nicht vorhersehbar und auch oft nicht
verständlich. Die zweite Seite empfindet genau so.
Aus: Francis Crick,
"Was die Seele wirklich ist" (Übersetzung H.P.
Gavagai), Verl. Artemis & Winkler, München, 1994, Seite 328.
"Irgendwann
später las ich einen Aufsatz von Michael Posner, in
dem er über eine seltsame Symptomatik berichtete, die von einer
speziellen Hirnschädigung hervorgerufen wird. Man spricht hier vom
"Fremde Hand"-Syndrom. Da ist z.B. ein Patient, dessen linke Hand
Bewegungen ausführt - normalerweise recht einfache und stereotype
Bewegungen -, für die er jede Verantwortung ablehnt [2].
Beispielsweise ergreift die Hand spontan irgendeinen Gegenstand, den
man in ihre Nähe gelegt hat. In manchen Fällen kann der
Patient dann diesen Gegenstand nicht aus der Hand lassen; er muß
mit seiner rechten Hand der linken den Gegenstand entwinden. Ein
Patient stellte fest, daß er seine "fremde" Hand zwar nicht mit
Hilfe seiner Willenskraft zum Loslassen bewegen konnte, wohl aber
dadurch, daß er laut sagte "Laß los".
Und wo war die
Hirnschädigung? Wiederum in oder nahe beim
anterioren Sulcus cinguli (auf der rechten Seite, wenn die fremde Hand
links ist), doch außerdem auch im entsprechenden Teil des Corpus
callosum, so daß die linksseitige Region nicht in der Lage war,
der linken Hand die Anweisungen zu geben, die von der beschädigten
Region auf der rechten Seite nicht kommen konnten."
[2] Goldberg,
G./Bloom, K.K. (1990). The alien hand sign: localization,
laterization and recovery. Am.J.Phys.Med.Rehabil. 69, 228-238
Das Ich und die Psyche
Die Existenz einer
zentralen Entscheidungsgewalt im Menschen ist eine
biologische Notwendigkeit in Hinblick auf schnelle und eindeutige
Reaktionen und Entscheidungsfindungen. Diese Entscheidungsgewalt ist es
mit der wir uns identifizieren und die wir Ich nennen. Es ist eine
Instanz, die auf eine Vielfalt von Funktionen zurückgreifen kann.
Diese Entscheidungsinstanz ist die oberste Spitze einer Hierarchie von
Funktionen. Verglichen mit sozialen Strukturen ist diese oberste
Instanz kein bleibender Regent, sondern eine Art Präsident, der je
nach Situationsbedarf aus der zweiten hierarchischen Ebene an die
Spitze gewählt wird. In der zweiten Ebene existieren viele
unterschiedliche "Pseudopersönlichkeiten" oder "latente
Persönlichkeiten". Diese "Pseudopersönlichkeiten"
verfügen bei einem gesunden Menschen zwar über alle allgemein
zugänglichen Ressourcen, werden jedoch von einem bestimmten Muster
an Verknüpfungen in Hinblick auf Gefühle, Denken, und
Erinnerung dominiert. Dadurch kann sich je nach Situation das
Erscheinungsbild der Person nach Bedarf ändern.
Nach obiger Auffassung
ist die Entscheidungsgewalt in uns, die wir Ich
nennen, kein organisches Gebilde, sondern eine Funktion. Als Funktion
kann sie zufriedenstellend arbeiten oder auch gestört sein (z.B.
bei Schizophrenen). Die Funktion besteht in der Zusammenarbeit
verschiedener Gehirn-Areale, die ihre gespeicherten Erinnerungen zur
Verfügung stellen. Da bei einem gesunden Menschen dem jeweils
dominanten Persönlichkeitsaspekt alle cerebralen Resourcen zu
Verfügung stehen, besteht zwar eine Variabilität des
Erscheinungsbildes der Person, jedoch kein Bruch in der
Bewußtseinskontinuität. Anders ist es bei psychisch kranken
Menschen, wenn verschiedene Persönlichkeitsaspekte sich die
informativen Resourcen aufteilen und anderen, konkurrierenden
Persönlichkeitsaspekten verweigern. Wir haben es dann mit einer
schizophrenen Persönlichkeitsspaltung zu tun und dem abwechselnden
in Erscheinung Treten verschiedener "Persönlichkeiten". Eine
solche Situation finden wir in dem "Klassiker", dem Bericht von
Staudenmaier schön beschrieben:
"Die Magie als
experimentelle Naturwissenschaft" von Dr. Ludwig
Staudenmaier,
verschiedene Verlage,
z.B. Akademische Verlagsgesellschaft , Leipzig,
1922 (die Auflage, die ich besitze).
online
Veröffentlichung dieser Schrift
"Allmählich hoben
sich einzelne Halluzinationen immer deutlicher
und bestimmter heraus und kehrten öfters wieder. Schließlich
bildeten sich förmliche Personifikationen, indem z. B die
wichtigeren Gesichtsbilder mit den entsprechenden
Gehörsvorstellungen in regelmäßige Verbindung traten,
so daß die auftretenden Gestalten mit mir zu sprechen begannen,
mir Ratschläge erteilten, meine Handlungen kritisierten usw. Ein
ganz charakteristischer und allgemeiner Defekt dieser Personifikationen
ist, gerade wie bei Hypnotisierten, der, daß sie sich immer
wieder wirklich für das halten, was sie nur vorstellen oder
nachahmen und daß sie dementsprechend auch im Ernste reden und
handeln. Ich bemühte mich lange Zeit, eine Anzahl derselben weiter
auszubilden. Hier nur einige Beispiele:
Vor ein paar Jahren
gab sich mir bei Besichtigung von
militärischen Übungen Gelegenheit eine fürstliche
Persönlichkeit aus unmittelbarer Nähe wiederholt zu sehen und
sprechen zu hören. Einige Zeit später hatte ich einmal ganz
deutlich die Halluzination, als ob ich dieselbe wieder sprechen
hörte. Zunächst schenkte ich der bald öfters
auftretenden Stimme keine Beachtung, sie verschwand auch für
längere Zeit wieder. Schließlich entwickelte sich in mir
aber immer häufiger und deutlicher auch das G e f ü h 1, als
ob die betreffende Persönlichkeit in meiner Nähe wäre
und auch die Gesichtsvorstellung wurde klarer, ohne daß sie
zunächst zur Halluzination wurde, indem sie sich in Verbindung mit
der inneren Stimme sozusagen von selber aufdrängte. Später
traten die Personifikationen anderweitiger fürstlicher oder
regierender Persönlichkeiten in analoger Weise auf, namentlich die
Personifikation des deutschen Kaisers, ferner die Personifikationen
Verstorbener, z. B. Napoleon I. Allmählich beschlich mich dabei
gleichzeitig ein eigentümliches, erhebendes Gefühl, Herrscher
und Gebieter eines großen Volkes zu sein, es hob und erweiterte
sich deutlich meine Brust fast ohne Mitwirkung meinerseits, meine ganze
Körperhaltung.wurde auffallend stramm und militärisch - ein
Beweis, daß die betreffende Personifikation alsdann einen
bedeutenden Einfluß auf mich erlangte -, und ich hörte z. B.
die innere Stimme mit majestätischer Erhabenheit sprechen: ,,Ich
bin der deutsche Kaiser." Nach einiger Zeit wurde ich müde, es
drängten sich anderweitige Vorstellungen gewaltsam ein und die
Haltung wurde immer nachlässiger. Aus der Summe der auftretenden
hoheitlichen Personifikationen entwickelte sich allmählich der
Begriff ,,Hoheit". Meine Hoheit besitzt ein großes Verlangen,
eine vornehme, namentlich fürstliche und regierende
Persönlichkeit zu sein, zum mindesten - bei weiterer
Aufklärung meinerseits - solche zu sehen und nachzuahmen. Hoheit
interessiert sich sehr für militärische Schauspiele,
vornehmes Leben, vornehmes Auftreten, vornehmes und reichliches Essen
und Trinken, für Ordnung und Eleganz in meiner Wohnung, für
noble Kleidung, gute aufrechte, militärische Körperhaltung,
für Turnen, Jagd und sonstigen Sport und sucht dementsprechend
meine Lebensweise zu beeinflussen, beratend, - - mahnend, gebietend,
drohend. Sie ist dagegen ein Feind von Kindern, von niedlichen Dingen,
von Scherz und Heiterkeit, offenbar weil sie die fürstlichen
Persönlichkeiten fast nur aus ihrem würdevollen Auftreten in
der Öffentlichkeit oder aus Abbildungen kennt. Sie ist namentlich
ein Feind von Witzblättern mit karikaturenhaften Abbildungen, vom
Wassertrinken usw. Außerdem bin ich selber ihr körperlich
etwas zu klein.
Eine weitere wichtige
Rolle spielt die Personifikation ,,Kind". ,,Ich
bin ein Kind. Du bist der Papa. Du mußt mit mir spielen.''
Kindergedichte werden daher gesummt: ,,Geht das Rädchen rum, rum,
rum." ,,Kommt ein Vögen geflogen." Wunderbar zarte Kindlichkeit
und kindlich-naives Benehmen, wie es selbst das echteste Kind nicht so
ergreifend und rührend darbieten könnte. Bei besonders guter
Laune werde ich als ,,Putzi" tituliert oder es sagt einfach ,,Mein
lieber Zi". Beim Spaziergang in der Stadt soll ich an Schaufenstern mit
Kinderspielzeug stehen bleihen, dasselbe eingehend besichtigen, ich
soll mir Kinderspielzeug kaufen, Kindern beim Spielen zusehen, mich
nach Kinderart herumdrehen, also durchaus unhoheitlich benehmen. Wenn
ich auf Betreiben des ,,Kindes" oder der ,,Kinder" (zeitweilig tritt
Spaltung in mehrere verwandte Personifikationen ein) gelegentlich in
München in einem Kaufhaus in der Kinderspielwarenabteilung Umschau
halte, ist diese Personifikation ganz außer sich vor Wonne und
entzückt erfolgt oft mit kindlicher Stimme der Ausruf: ,,Ach wie
schön, das ist der Himmel!" Für später wird die
Einrichtung eines ,,Kinder- Zimmers" gewünscht. Als ich behufs
Einübung optischer Halluzinationen, wie ich es im IV. Abschnitt
näher beschreibe, mir eine ganz kleine, nur einige Zentimeter
lange Kinderpuppe kaufte und dann auseinandersetzte, daß ich mit
der Zeit bei zunehmender Übung auch größere Puppen
verwenden würde, erfolgte erfreut die Antwort: ,,Das ist der
Anfang vom Kindszimmer. Schließlich mußt du auch wirkliche
Kinder zum Muster nehmen. Dann wollen wir dir zeigen, was wir sind und
was wir können."
Eine andere
Personifikation bildete sich folgendermaßen: Meiner
Mutter wurde einmal in einem Gasthause von einem Händler ein
Scherzartikel aus Gummi, eine Art Gummiball, aufgedrängt, der den
wohlgenährten, rundlichen Kopf eines Studenten mit breitem Munde
darstellte. Beim Zusammendrücken streckte derselbe die Zunge weit
hervor. Sie brachte ihn mit nach Hause und wir spielten gelegentlich
mit ihm. Einige Jahre später schien dieser Kopf, aber jetzt von
menschlicher Größe, in meiner Nähe zu sein,
während gleichzeitig eine der Figur entsprechende innere Stimme zu
mir sagte: ,,Heute bin ich gut aufgelegt. Sei doch nicht so langweilig.
Denke an mich. Ich kann auch etwas. Mich freuen lustige Sachen." Beim
Achtgeben schien der Kopf jetzt in den Wellen eines Flusses zu
schwimmen und sich darin gleichmäßig und behaglich von
denselben weiterschaukeln zu lassen, gelegentlich auch unterzutauchen.
Es folgten verschiedene scherzhafte Bemerkungen sowie Kunststücke.
Er stellte mit einem Male die Haare steif in die Höhe, schnitt
Grimassen,. streckte die Zunge, ähnlich wie der Gummiball, heraus
usw. Dieser "Rundkopf", der gelegentlich sich bemerklich macht, dringt
darauf, die ,,Münchener Fliegenden Blätter", überhaupt
Witzblätter zu lesen und die betreffenden Abbildungen eingehend zu
betrachten, in unterhaltende Gesellschaft zu gehen, gemütlich Bier
zu trinken usw. Als ich einmal in einem Garten Sonnenblumen sah,
forderte er mich auf, eine davon mit nach Hause zu nehmen, was ich auch
tat. Nachdem ich sie in ein Glas mit Wasser gesetzt hatte, in welchem
sie sich längere Zeit hielt, erfolgte von ihm gelegentlich die
Anfrage: ,,Wo ist meine Sonnenblume?" Wenn ich sie dann betrachtete,
war er sehr befriedigt. Einmal schien bei ihm auch ein dem Kopf
entsprechender Körper vorhanden zu sein, und es bildete sich in
mir die Vorstellung, als ob er eine solche Blume in das Knopfloch
seines Rockes stecken wolle. Bald aber vernahm ich anderweitige innere
Stimmen, welche sich ärgerlich über das ,,plumpe,
geschmacklose und bäuerliche Gebaren" dieser Personifikatlon
äußerten und dieselbe schnell aus dem Geleise brachten, so
daß sich ihre heiteren Züge verzerrten und der Scherz
vorüber war. Innerlich hörte ich dann noch sagen: ,,So sollte
man einen nicht behandeln. Ich habe euch aufheitern wollen."
Daraus folgt,
daß man mit derartigen Personifikationen, die
manchmal in ihrer Art geradezu Genies darstellen, wie mit
selbständigen Wesen reden kann. Nur muß man für
gewöhnlich bei dem speziellen Gebiete bleiben, das sie vertreten,
und alles fremdartige fernhalten, denn sobald man mit andern Dingen,
namentlich diametral entgegengesetzten kommt, ist meistens die ganze
Idylle sofort vorüber.
Später nahm ich
am ,,Rundkopf" allerdings auch schlimme, zum Teil
sogar sehr schlimme Eigenschaften wahr. Nach gewissen Richtungen hin
schien er vollkommen verwahrlost zu sein und arge moralische Defekte zu
besitzen. Dann vergaß ich denselben wieder längere Zeit, bis
mir eines Tages auffiel, daß in mir eine fremde Macht bestrebt
war, die Zunge seitlich hin und her zu bewegen oder auch vorzustrecken.
Es stellte sich heraus, daß der Rundkopf Übungen machte,
,,seine" Zunge größer und gelenkiger und allseitig
beweglicher zu machen, als es beim Gummiball der Fall war. Obwohl ich
die Zunge als die meinige in Anspruch nahm, versuchte er seit dieser
Zeit noch öfters Übungen mit derselben auszuführen. In
der Besorgnis, es könnten sich dadurch bei mir ,,nervöse"
Sprechstörungen entwickeln, warf ich den Gummiball in den damals
allerdings nicht geheizten Ofen. Einige Stunden später meldete
sich der Rundkopf wieder und sagte innerlich zu mir: ,,HoI' mich wieder
heraus! Es war nicht so schlimm gemeint." Lachend erfüllte ich
seinen Wunsch. Da er aber, namentlich wenn ich in ärgerlicher
Stimmung war, immer wieder mit meiner Zunge herummanipulierte und zwar
anscheinend in böswilliger Absicht, zerriß ich den Gummiball
und beseitigte ihn endgültig.
Inzwischen hatte
übrigens der Rundkopf einmal wirklich Gutes
gestiftet. Als ich nämlich in sehr aufgeregter und
ärgerlicher Stirmmung über andere Personifikationen nachts im
Bette lag, tauchte im größten Ärger, durch ihn
veranlaßt, mit einem Male in schwarzer Zeichnung die optische
Halluzination eines Gockels auf, der einen Ölzweig des Friedens im
Schnabel hielt und unmittelbar darauf ein Ei legte. Ich mußte
lachen und die ganze Situation war jetzt vollständig
verändert.
Eine große Rolle
spielen bei mir zwei meist gehörnt
auftretende, diabolische Personifikationen, ,,Bock-" und
,,Pferdefuß", gegen welche ich sehr vorsichtig sein muß, da
sie sich immer wieder, namentlich wenn ich mich zu sehr
überanstrenge, in gefährlicher Weise zu entwickeln drohen.
Ein hochinteressantes
und wichtiges Gegenstück dazu bildet eine
Personifikation des Göttlichen und Erhabenen, darstellend einen
ehrwürdigen Greis mit voller, kräftiger Stimme und wallendem
Barte, welcher ein natürlicher Gegner der vorher erwähnten
diabolischen Personifikationen ist und mich für Tugend und hohe
Ziele zu begeistern sucht.
Besonders das Studium
dieser drei letzterwähnten Personifikationen
wäre für die vergleichende Religionswissenschaft von der
allergrößten Bedeutung. Doch kann ich über dieselben,
abgesehen von einigen gelegentlichen Bemerkingen im V. Kapitel, erst
später einmal Ausführlicheres berichten.
Da eine weitergehende
Ausbildung derartiger Personifikationen offenbar
vielfach ganz entgegengesetzte Forderungen nach sich zieht und es mir
nicht gelang dieselben miteinander zu versöhnen oder wenigstens
völlig getrennt voneinander zu behandeln, so nahm die Aufregung in
meinem Innern wieder zu, es traten neue Personifikationen direkt gegen
meinen Willen auf, Feinde unter sich und gegen mich und häufig
bildete sich ein wirres Durcheinander, ähnlich wie in den ersten
Jahren meiner magischen Experimente. Da konnte ich zur Evidenz
erkennen, daß der Mensch auch psychisch nichts weniger als eine
reine Einheit darstellt. Freilich ist dabei nicht zu vergessen,
daß es sich alsdann um einen direkt ins Pathologische gehenden
Zustand handelte.
("Die Magie als
experimentelle Naturwissenschaft" von Dr. Ludwig
Staudenmaier, verschiedene Verlage, z.B. Akademische
Verlagsgesellschaft , Leipzig, 1922, Seite 33-37)
online
Veröffentlichung dieser Schrift
In abgeschwächter
Form gibt es auch bei gesunden Menschen eine
größere Anzahl von Persönlichkeitsaspekten, die je nach
Situation und Emotionalität anders empfinden und reagieren. Sie
lösen einander beständig ab, je nach Bedarf und
äußeren Umständen; sie sind nicht voneinander so scharf
abgegrenzt wie bei Staudenmaier, sondern überlappen und haben
schwimmende Übergänge. Je nachdem, ob der Vater mit seinem
Kind spielt oder in der Firma als großer Boss in Erscheinung
tritt, ist er ein jeweils anderer Mensch, der sich vollkommen in die
situationsbedingte Form der Selbstdarstellung hineinlebt. In der
Esoterik verwendet man hierfür den Begriff "Maske". Da diese
Erscheinungsformen scheinbar nicht miteinander konkurrieren und eine
Linearität der Ich-Identifikationen gegeben ist, wird die
Einheitlichkeit des Ich nie in Frage gestellt.
Das Ich im Traum
In den Träumen
beginnt die Einheitlichkeit der Person noch
unschärfer zu werden als dies im Alltag der Fall ist. Die
Identifikationen werden ausgeprägter. Während im Alltag die
körperspezifischen Aspekte der Selbstbewertung unangetastet
bleiben, wie zum Beispiel Alter, unabhängig von der "Maske", die
der Mensch gerade trägt, beginnt auch dies im Traum zu
verfließen und wir sind bisweilen Kind, manchmal jugendlich oder
alt, groß oder klein, stark oder schwach.


Nachrichten meines Herzens

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