Die
Erschaffung eines Golem
Die
Schöpfungsgeschichte und der Golem
Der
Schöpfungsgeschichte im alten Testament zufolge schuf Gott
Adam, indem er Lehm (nicht Staub) zu einer Menschengestalt formte und
ihr die Seele einhauchte. Bei der Erschaffung eines Golems wird dieser
Vorgang nachvollzogen: in die Lehmgestalt wird die Seele mit Hilfe des
magischen Schöpfungswortes, dem Schem, dem Namen Gottes,
hineingebunden. "....entnahm er dem Bücherschrank das Buch
"Jezirah" und suchte nach der Stelle, wo von der Schöpfung des
Urmenschen Adam die Rede ist".
Zumeist wird der Schem
auf ein Pergament geschrieben und dem Golem in
den Mund gelegt (verborgen und doch greifbar), bisweilen wird er auch
auf der Stirne angeheftet. Durch den Mund hat ja auch Gott dem Adam die
Seele eingehaucht und durch den Mund wird beim Sterben die Seele
ausgehaucht (alter Volksglaube).
In der Regel herrscht
die Meinung vor, daß die Erschaffung eines
Golems auf das mystische Judentum beschränkt ist. Dem ist jedoch
nicht so. Im Gegenteil, ähnliche Vorgänge, wenngleich unter
anderem Namen sind weit verbreitet. Das Prinzip der Belebung eines
Abbildes findet sich in einem völlig anderem magischen Sektor
wieder - in der Sympathiemagie! Was geschieht in der Sympathiemagie? In
eine menschengestaltete Figur wird ein kleiner Teil eines Menschen
(Haar, Fingernägel, Kleidungsstück) hineingebracht -
ähnlich wie beim Golem der Schem. Der in der Sympathiemagie
verwendete Teil eines Menschen wird als materieler Teil erachtet, dem
ein Teil der Seele innewohnt oder als Teil der mit dessen Seele
verknüpft ist betrachtet. Das entspricht also dem magischen Akt
der Beseelung.
Die Erzählungen
über den Golem von Prag, der erschaffen wurde
von Rabbi Löw sind allbekannt (z.B. von Gustav Meyrink) weshalb
ich bei dieser Sage nicht verweilen möchte.
Aus dem Buch von
Chajim Bloch: "Israel der Gotteskämpfer" (Verlag
unbekannt):
"Der Sohn des "Chacham
Zwi", R. Jakob Emden (1696-1776) teilt in seiner
Selbstbiographie "Megillat Sefer" folgendes mit: "Von Rabbi Elijahu
Baalschem, unserem Großahnen von Chelm, erzählte mir mein
Vater, daß er einen Golem gebildet habe, der das
Sprachvermögen nicht besaß und ihm als Knecht diente. Einmal
bemerkte der Rabbi, daß das Werk seiner Hand an Kraft und
Gr4öße außerordentlich zugenommen hatte, dies durch
den Schem, welcher, auf einen Papierstreifen geschrieben, an seine
Stirn gebunden war. Da ward er Rabbi von Angst ergriffen, der Golem
könnte Verderben stiften. Er bemächtigte sich deshalb seiner
und riß das Papier von der Stirn des Golem schleunigst ab, so
daß die Menschengestalt sich wieder in einen Klumpen Lehm
verwandelte."
Er befalhl seinem
Jünger, einen Wassereimer und einen Spaten zu
holen. Auch Männerkleider händigte er ihm ein. Er selbst trug
unter dem Arm das Buch Jezirah und ein Beschneidungsmesser.
Und nun forderte er
Simche auf, ihn zu begleiten. Mit dem
erwähnten Gerät ausgerüstet, begaben sie sich zu dem
Hügel außerhalb der Stadt.
Es war stockfinstere
Nacht. Fast konnte man die Dunkelheit mit
Händen greifen. Licht wollte Rabbi Elijahu nicht anzünden, um
nicht durch dessen Schein seine Handlung zu verraten.
Als sie aber ans Ziel
angelangt waren, zerstreuten sich die dichten
Wolken, und der Mond beleuchtete den Hügel.
Ringsum herrschte
TolenstilIe, kein Laut war vernehmbar. Selbst die
Bäume hielten in ihren Bewegungen ein.
Rabbi Elijahu sprach
zu seinem Jünger: "Ich hoffe, daiß
unsere Absicht die Gnade des Himmels erlangen wird."
Unter einer
großen Eiche war ein Brunnen. Hier tauchten MeisIer
und Jünger dreimal unter, sprachen einige Psalrnen und nun ging es
an die Arbeit....
Mit dem Angesichte
gegen Mizrach, den Osten gewendet, grub Rabbi
Elijahu Erde vom Boden. Bei jedem Eindrücken des Spatens sprach er
verschiedene Gebete.
Als schon eine
ansehnliche Menge Erde ausgegraben war, schöpfte
Rabbi Elijahu Atem, wischte sich den Schweiß vom Gesichte und
sagte mit seinem Jünger verschiedene Psalmabschnitte her.
Er sammelte eine
Lehmrnasse in der Menge von zwei Ellen und in der
Höhe von fünf Fäusten, ließ seinen Jüiiger
Wasser bringen und knetete Lehm und Wasser zu einer Masse, bis es ihm
möglich schien, ein Modell zu formen.
Noch hob er nicht an,
die Gestalt zu formen, als Simche traurigen
Antlitzes wieder an ihn herantrat und mit zagender Stimme sprach:
,,Meister! Es lehrten die Weisen: Dort wo eine Entweihung des
Gottesnamens vorliegt, scheut man die Würde des Meisters nicht!'
Ich ermahne Euch daher nochmals, das gefährliche Unternehmen zu
unterlassen. Mich schaudert schon bei dem Gedanken, den "Heiligen
Namen" auszusprechen.''
Darauf Rabbi Elijahu:
" Ich werde den Namen Gottes aussprechen, es ist
wahrhaft eine gefährliche Tat. Aber ich tue sie in reiner Absicht;
meine Brüder will ich retten und es lehrten die Weisen: Wenn wer
nur einen Juden rettet, ist es als hätte er eine ganze Welt
gerettet! Und darf man denn nicht wegen der Erhaltung eines Meuschen
den Namen Gottes aussprechen?"
Also sprach Rahbi
Elijahu in großer Verzückung. Er hob die
Augen und sprach die dreizehn Eigenschaften des Weltenschöpfers,
gepriesen sei sein Name.
Und nun begann er mit
rasender Schnelligkeit die Gestalt zu formen.
Es währte nur
eine Weile, da lag sie fertig vor ihm. Er wusch sich
die Hände und betrachtete sie in großer Ehrfurcht.
Er fühlte,
daß eine höhere Macht seine Hand so
kunstfertig gemacht.
Wieder den Blick zum
Himmel gerichtet, sprach er aus der Tiefe seines
Herzens: "Herr der Weölten, Schöpfer aller Kreaturen und
aller Seelen. Dir ist's offenbar, daß nicht Ehrgeiz mich zu
dieser Arbeit verleitete. Nicht zu eigennützigem Zwecke unternahm
ich es, eine Gestalt nach Deinem Ebenbilde zu verfertigen. Ich flehe
daher zu Dir: Laß Gnade walten und verleihe mir die Kraft, den
heiligen Namen ohne Zagen und ohne Scheu auszusprechen, damit ich nicht
strauchle und meines Anteils in der ,kommenden Welt nicht verlustig
werde."
Und nun machte er sich
daran, das Gefährlichste in seiner Handlung
zu unternehmen; den Schem hamforasch, den ausdrücklichen Namen
Gottes, aus- zusprechen.
Ein heiliger Schauder
erfaßte ihn; schon wollte er vom ganzen
Unternehmen zurücktreten.
Da bemächtigte
sich seiner die Gewalt des Willens und eine innere
Stimme rief ihm zu: ,,Vollende, was du in Heiligkeit unternommen
hast.''
Darauf sprach er den
,,ausdrücklichen Gottesnamen". Aber er sprach
ihn so aus, wie es der Hohepriester am Versöhnungstage im
Allerheiligsten zu tun pflegte: er verschlang ihn.
Beim Aussprechen war
sein Blick auf die Gestalt gerichtet,
hauptsächlich auf den Kopf, gegen die Hirnstelle.
Er trat an den
Lehmkoloß heran, betastete jedes seiner Glieder,
wie die eines schlafenden Menschen. Den Geschlechtsteil berührte
er nicht, weil er ihm die Kraft des Zeugens nicht geben wollte.
Jetzt erst nannte er
geläufig die Namen jener Engel, die über
Blut, Nerven, Herz und Hirn gesetzt sind, und Meister und Jünger
merkten, daß der Lehmkörper zur Glut wurde.
Unter Beihilfe des
Jüngers vollzog Rabbi Elijahu die Beschneidung.
Sie sprachen den Segen nicht, doch stimmten sie leise die üblichen
Litaneien an. Der Golem rührte sich nicht und auch kein Laut des
Schmerzes wurde vernehmbar. Das Blut rann jedoch wie von einem
natürlichen Menschen. Nun hieß es dem Golem den Schem, sein
eigentliches Leben zu geben. Wohl war Rabbi Elijahu ein Gegner des
Brauches der Kablialisten, heilige Namen auf Papier zu schreiben, doch
mußte er diesmal gegen sein Prinzip handeln, "weil die Stunde es
nötig hatte".
Er schrieb auf einen
Pergamentstreifen das Wort "I III I ".Er schrieb
dieses Wort, welches vor allemzwei Buchstaben "J" und"H", die
Hälfte des ausdrücklichen Gottesnamens, enthält. Das
Wort aber bedeutet: "Er soll leben".
Und nun kam der
Augenblick, in dem der Schöpfer von dem Werk, das
er hier schuf, sich gehoben fühlte.
Jetzt machte er dem
Goleni einen Einschnitt oben auf der Stirn und
legte den Pergamentstreifen ein.
Als Rabbi Elijahu
damit fertig war, machte der Golem eine Miene, wie
ein Mensch, der mit einer Feuerrute berührt wird. So war ihn das
Leben gegeben.
Nun trat Rabbi Elijahu
an die Gestalt heran und sprach mit kräftig
anherrschender Stimme:
,,Stehe auf, Israel!"
Er gab ihm diesen
Namen, weil auch in ihm ein Gottesname inne ist:
Isra-El, der mit Gott kämpfte.
Eine plumpe träge
Menschengestalt erhob sich, als stünde sie
vom Schlafe auf, und schaute die ihr gegenüber stehenden zwei
Männer halb lachend, halb fragend an.
Im dunklen Osten
dämmerte es bereits. Der Wind trieb die Wolken
vor sich her, auf dem Firmament erschien der Morgenstern.
Rabbi Elijahu wies
seinem Jünger mit dem Finger gegen Osten und
sprach: ,,Schau! so weicht die Nacht dem Tage. Möge denn durch den
von uns erschaffenen Golem alles Böse in diesem Lande
niedergerissen werden, daß unsere Morgenröte die finsteren
\Volken, die über unserem Volk lasten, durchbrechen könne!
Amen."
Nun wurde Rabbi
Elijahu von hoher Frreude erfaßt, da er den Golem
in seiner Riesengesialt vor sich sah. Denn seit dem Augenblick seiner
Belebung war der Golem um einige Fäuste höher und breiter
geworden, auch Haar war an seinem Haupt und Antlitz.
Rabbi Elijahu wandte
sich an den Golem mit den Worten "Ziehe die
Kleider an und folge mir!'' Und der Golem zögerte nicht, die
Gewänder anzuziehen und er gehorchte dem Rabbi so willig, als
kennte er ihn schon von früher her als seinen Herrn.
Der verträumt
aussehende Hügel badete in
Frühlingsscbönheil. Die weißen, schlanken Birken
senkten ihr leise erschauerndes Gezweig tief auf die dunklen Tannen,
daß es wie duftige Schleier darüber hinwehte. Die Sonne
spannte ihre Strahlenfäden über die bräutlichen jungen
Birkenstämme. Blütenkerzen hingen aus den weißeii
Knospen schwer herab und tausend bunte Blumenaugen hoben sich strahlend
aus Gras und Moos empor der Sonne entgegen; sie glichen den
frohmütigen Hoffnungen Rabbi Elijahus.
Den schmalen Waldweg,
der von dem Hügel in die Stadt führt,
schritten drei Männer in tiefer Schweigsamkeit. Als sie in des
Rabbis Haus kamen, führte Rabbi Elijahu den Golem in seine Kammer
der Abgeschiedenheit. Hier unterrichtete er ihn, zu welchem Behufe er
ihn erschaffen.
Er sprach zu ihm:
"Ich entbinde dich
aller Gebote und Verbote in allen jenen Fällen,
wo es sich um irgend eine Gefahr für Juden handelt. Dein einziges
Gebot ist, die Befehle deines Schöpfers zu befolgen, mir treu zu
dienen."
Der Vorzug des Golems
Israel über alle anderen bis dahin
erschaffenen Golems war, daß er auch das Hör- und
Sprachvermögen besaß, freilich nur in jenen Fällen, da
dieses Vermögen nötig war. Er gab daher zur Antwort: "Ich
werde alle Eure Befehle treu erfüllen.''
Rabbi Elijahu
ließ seine Gattin hereinkommen und sprach zu ihr:
"Schau. ein Fremder aus unserem Stamme hatte sich in unserem Orte
eingefunden und suchte in unserem Hause Unterkunft. Da der Mann seit
längerer Zeit keine Nahrung zu sich genommen, reiche ihm etwas zu
essen." Da dies geschehen war, sah Rabbi Elijahu daß der Golem es
nicht zustande brachte, Löffel Gabel und Messer zu gebrauchen und
die Speise zum Mund zu nehmen. Stumpf und wortlos saß er da. Die
Gattin des Rabbi glaubte, er sei des Weges müde und sie sprach zu
ihrem Manne leise, er möge den Gast vorher einige Zeit ruhen
lassen.
Als sie sich
entfernte, sprach Rabbi Elijalin zum Golem: ,,Du wirst in
dieser Kammer meiner Abgeschiedenheit dein Lager aufschlagen, damit ich
dich neben mir habe, wenn ich dir nachts etwas zu befehlen habe. Vor
den Leuten wirst du aber als mein Leibdiener gelten." Nun befahl ihm
Rabbi Elijahu sich zur Ruhe zu begeben und so lange zu schIafen, bis er
ihn wieder wecken würde. Als der Golem eingeschlummert war, trat
Rabbi Elijahu an ihn heran und flüsterte ihm, um sein Golemwesen
zu vervollkommnen, noch einige heilige Namen ins Ohr. Durch die eine
der Formeln würde er zum Unsicbtbaren gemacht, aber nur für
solche Fälle, die seine Unsichtbarkeit bedingen würden.
(Seite 31 bis 40 des
oben zitierten Buches)
Weitere Anmerkungen
aus einer Korrespondenz siehe am Ende der Seite
Aus dem Buch "Marion"
(Zitat unten).
Das Buch erzählt
von dem Bemühen um die Auflösung eines
Golems, denn die zur Belebung des Golems nötigen Seelenkräfte
entstammten den beiden Magiern und waren durch alle künftigen
Geburten dadurch gebunden. Nicht nur daß die Seelenkräfte
zur Weiterntwicklung den zwei Magiern fehlten, waren beide auch
karmisch für alle Taten verantwortlich, welche mit Hilfe ihrer in
dem Golem inkorperierten Seelenteile verursacht wurden.
Günther
Kretzschmer: "Marion",
Die Lebensbeichte
einer Toten.
Turm Verlag,
Bietigheim, 1970
So nahm alles seinen
Lauf!
Die Gestirne selbst
setzten uns noch eine Frist, drei Monate. Erst dann
würden die kosmischen Lichter an ihren vorgeschriebenen Orten
stehen. Die uns somit noch verbleibende Zeit reichte gerade aus, um die
unbedingt notwendigen Vorbereitungen zu treffen.
Die zur Bildung des
materiellen Körpers unseres zukünftigen
Dieners erforderlichen Stoffe mußten herbeigeschafft und in die
vorgesehene Form gebracht werden. Auch erwies es sich als
unerläßlich, unsere schon stets betriebenen geistigen
Übungen zu höchster Intensität zu steigern.
Tagelang streifte ich
durch die Wälder auf der Suche nach reinem,
von keiner Menschenhand berührtem Bienenwachs, von welchem wir
eine große Menge benötigten. Um eine bestimmte Art
schiefergrauen Lehms zu finden, diesen in einer Neumondnacht zu
vorgeschriebener Stunde eigenhändig aus dem Boden zu stechen und
noch vor Morgengrauen in das Laboratorium zu bringen, bedurfte es
meilenweiter Ritte durch die ganze Gegend. Die zur Herstellung des
Räucherwerks erforderlichen Kräuter brachten wir nur mit
Hilfe eines alten Kräuterweibleins in unseren Besitz.
Außerdem brauchten wir das Blut einiger Tiere. Drei Lämmer
und einen streitsüchtigen Gockel fanden wir in den Stallungen der
Burg. Einen Wolf fing Graf Wenzel im Schlageisen. Ich selbst errichtete
im Walde einen kleinen Meiler zum Brennen jungfräulicher Kohle.
Alle sonstigen
Gegenstände und Materialien mußten, sofern
sie bereits mit anderen Menschen in Verbindung gekommen, entweder
für längere Zeit vergraben oder der reinigenden Kraft des
fließenden Wassers ausgesetzt werden. Vier Stunden - zwei des
Morgens und zwei des Abends - verbrachten wir nun täglich in
geistiger Versenkung, um die Macht unserer Gedanken bis in schwindelnde
Höhen emporzutreiben. Während dieser Vorbereitungszeit kam es
zwischen Wenzel und mir zu keiner körperlichen Vereinigung.
Wir lebten enthaltsam
wie im Kloster. Unser ganzes Sinnen und Trachten
drehte sich nur um einen, alles übrige ausschließenden
Gedanken - die Schöpfung des Xentopolus!
Anfangs glaubte ich
noch manchmal, daß wir unsere Mühen an
ein Hirngespinst verschwendeten. Doch seltsam, je näher die Stunde
der Entscheidung rückte, um so mehr wuchs auch meine
Überzeugung, und als ich dann schließlich neben Wenzel im
schützenden Rund des Kreidekreises stand, waren alle Zweifel bis
an die Grenzen der Ewigkeit gewichen.
Wenn ich jetzt die
Augen schließe, steigt die gespenstische Szene
wieder mit aller Deutlichkeit vor mein inneres Angesicht:
Rot flackert das Licht
der Fackeln in den wallenden Nebeln des
Räucherwerkes. Der Dunst glimmender Kräuter legt sich als
pressender Reif um meine Brust. Ich fühle mich körperlos,
schwebe federleicht im Raume, alle Erdenschwere scheint tief unter mir
im Nichts zurückgeblieben. Mein Gehirn ist zu einem Kristall
erstarrt, kühl und voller Klarheit ruht es faustgroß in
meinem Kopfe, sammelt die Gedanken, wie in einer optischen Linse und
lenkt sie in das Zentrum.
Neben mir steht
Wenzel. Stolz und gebieterisch die Hand mit dem Stab
erhoben, zwingt er die mächtigsten Geister der vier Reiche herbei.
Sicher und ohne Stocken tönen die vorgeschriebenen Worte von
unseren Lippen, werden zu sichtbaren Formen und dringen ein in die
Hülle des unförmigen Kolosses.
Zahllose Stunden haben
wir vorher die weiche Masse mit Geist und
Händen bearbeitet, all unsere Wünsche und Begierden in sie
hineinknetend, ehe wir dem Monstrum seine endgültige Gestalt
verliehen. Nun hockt der Götze vor uns, geschaffen aus Feuer,
Wasser, Luft und Erde, aus Blut und unser beider Lebenskraft.
Röter und heller
wird das Licht, durchdringt die wallenden Wolken,
verdichtet sich um das noch leblose Ungeheuer am Rande der
schützenden Linie. In letzter Konzentration sammeln wir unser
Wollen in der Spitze eines imaginären Pfeiles und schleudern
diesen als machtvollen Befehl in die glühende Hölle.
"Xentopolus! - Lebe!"
Ein blendender Blitz
schließt mir die Augen. Ein Donnerschlag,
als wolle der Felsen über uns zusammenstürzen.
Dann plötzlich
Stille. Nur ein leises Knistern aus dem
Räucherbecken.
Ich hebe die Lieder.
Da steht er vor mir. -
Xentopolus! - Massig und ungeschlacht, mit
überlangen, fast auf den Boden hinabhängenden Armen, den
Nacken gebeugt, wie unter einer schweren Last, glotzt er blöde vor
sich hin.
Wieder hebt Wenzels
Rechte den Stab, seine Linke weist schräg
abwärts zu Boden, deutet auf ein leeres, weißes Pergament:
,Xentopolus!' - ruft er mit gebietender Stimme, ,schreibe deinen Namen
auf dieses Blatt!'
Das Ungeheuer
bückt sich nieder, beißt sich in den Finger
und schmiert blutige Buchstaben auf die glatte Fläche.
Abermals ertönt
Wenzels Stimme: ,Wirf es in den Kreis!'
Mit plumpen Schritten
tappt es näher.
,Halt!' - schreit
Wenzel, ,überschreite die Linie nicht!'
Zu spät! Ein
dumpfes Stöhnen, kraftlos bricht das Wesen in
die Knie und fällt zur Seite.
Der Zettel mit dem
Namen liegt zu unseren Füßen.
,Alles umsonst!' -
hämmert es in meinem Hirn. Ich fühle mich
wie ausgelaugt, will erschöpft den Kreis verlassen.
,Halt! Wahnsinnige!'-
reißt mich Wenzels Schrei zurück und
bannt mich auf die Stelle. Und wieder, doch ruhiger, erklingt die
Stimme neben mir: ,Du kannst den Kreis jetzt nicht verlassen. Die
Kräfte wirken noch. Was nach den magi- schen Regeln begonnen,
muß auch nach den Regeln enden.'
Da bewegt sich der
leblose Körper, stemmt sich auf die Beine,
wankt zurück an seinen Platz.
"Er lebt",
flüstert Wenzel fassungslos, ,die Vernichtung hat ihn
nur gestreift!'
Damals empfanden wir
nur Erleichterung. Erst viel später begriffen
wir, was dieser Vorgang zu bedeuten hatte. Wie mächtig mußte
dieses Wesen bereits bei seiner Erschaffung gewesen sein, wenn es den
kosmischen Gewalten des magischen Zirkels zu trotzen vermochte.
Und wieder sehe ich
ihn vor mir stehen, plump und hilflos wie ein
großer, zahmer Bär.
Nun erst beugt Wenzel
sich zu Boden, greift nach dem blutbeschmierten
Pergament, hält es dem Monstrum entgegen und spricht mit
feierlichem Klang:
,Xentopolus dies sei
dein Name! Ich bin der Herr und du der Knecht.
Mein Wissen soll dich leiten, meine Kraft dich nähren, solange du
bestehst. Mit dieser deiner Unterschrift halte ich dein Sein in meiner
Hand. Wenn ich dich einst bei deinem Namen nenne und im gleichen
Augenblick dieses Pergament in der Flamme vergeht, sollst du in das
Nichts zurückweichen, aus dem du durch meine Macht gekommen bist.
Solange du mir aber treu und redlich dienst, sollst du am Leben
bleiben. Hast du mich verstanden?'
,Ja, Herr!' sagt das
Wesen mit dumpfer Stimme. Unterwürfig sinkt
sein Kinn auf die Brust hinab.
Wenzel streckt den
Stab in seine Richtung:
,So schwöre mir,
bei den Vorstehern der sieben Sphären,
daß du unseren Vertrag anerkennen und halten willst!'
Er scheint zu
überlegen, schaut uns tückisch an und spricht
dann doch:
,Ich will es und ich
schwöre es!'
,Dann geh in jenen
Winkel!' befiehlt Wenzel, ,dort soll dein Platz
sein, bis ich dich rufe!'
Mir wurde mit einem
Male schwarz vor Augen. Haltsuchend griff ich nach
der Sessellehne und rang nach Luft. ,,Fräulein Staneck"'
hörte ich die besorgte Stimme des Herrn Kunze neben mir,
"Fräulein Staneck! Was haben Sie denn?"
(Seite117 bis 121 aus
dem Buch Marion)
Literatur:
1) Chaim Bloch:
"Israel der Gotteskämpfer" (Verlag unbekannt)
2) Günther
Kretzschmer: "Marion", Die Lebensbeichte einer Toten.
Turm Verlag, Bietigheim, 1970
3) Eduard Petiska:
"Der Golem", Jüdische Märchen u. Legenden
aus dem alten Prag. Lilien Verl., Wiesbaden, 1972
4) Ostjüdische
Legenden. mit 52 Bildern von Anatoli L. Kaplan. Aus
dem Jüd. übertragen v. A. Eliasberg. Leipzig, Gustav
Kiepheuer Verl., 1983
Anmerkungen zu Chajim
Bloch:
David,
The books of Chajim
Bloch seem to be not available. I for my part have
made copies of two of his books. The copies are made of originals of
the national library in Vienna or the library of the university (there
are no stamps in, therefore I do not know it exactly). Further
information are inserted into your text:
David wrote:
I was wondering if you
knew any biographical details about Chaim Bloch.
I assume that he is also the author of "The Golem". Do you know if he
is the same Chaim Bloch (full name Rabbi Moshe Chaim Ephraim Bloch)
from Delatyn, Vienna, and finally New York. This Chaim Bloch was the
son of R' Avraham Abba Bloch of Delatyn, and is buried in Staten
Island, New York. He is also mentioned in Rabbi Meir Wunder's book
Meorei Galicia (in Hebrew). It is an encyclopedia of Galician rabbis
and scholars.
The story about the
golem he wrote in this book deals from:
Rabbi Elijahu
Baalschem of Chelm (70 km at the east of Lublin), born
1514.
In the introduction
was a remark:
"Die Aufnahme, welche
mein Buch 'Der Prager Golem' 1) gefunden hat,
ermutigt mich , nun auch vorliegende Sammlung neuer Golem Sagen, die
Geschichten des Chelmer Golem, herauszugeben."
1) Small remark: "Der
Prager Golem von seiner Geburt bis zu seinem Tod"
nach einer alten Handschrift bearbeitet von Chajim Bloch (Wien 1919,
"Dr. Blochs Wochenschrift", Wien II )
The second book I know
from Chajim Bloch is called "Lebenserinnerungen
des Kabbalisten Vital" 1927, Vernay-Verlag, Wien


Nachrichten meines Herzens

Link:
www.valquiria.web500.com.br
|
|